Wir können uns die Empörung nicht mehr leisten.
Ich tue mir mit diesem Post vermutlich keinen Gefallen, da ich mit Medienunternehmen zusammenarbeite. Auch wenn ich nicht immer direkt mit Journalist:innen arbeite, fühlen sich doch alle in diesen Organisationen den journalistischen Prinzipien verpflichtet.
Wenn ich die aktuelle Welle moralischer Empörung über Mark Zuckerbergs jüngste Ankündigungen verfolge, fällt mir ein bemerkenswerter Widerspruch auf: Einerseits wurde über Jahre hinweg durchaus kritisch über Meta und Zuckerberg berichtet. Andererseits scheint die gleiche Medienbranche, die diese Kritik äußerte, in ihren eigenen strategischen Entscheidungen diese Erkenntnisse weitgehend ignoriert zu haben.
Diese Diskrepanz zwischen öffentlicher Kritik und internem Handeln ist bezeichnend: Wie kann man gleichzeitig von den ethischen Mängeln dieser Plattformen wissen und dennoch die eigene Organisation immer tiefer in die Abhängigkeit von genau diesen Systemen führen? Die jetzige moralische Empörung mag für Schlagzeilen sorgen, aber sie verschleiert eine unbequemere Frage: Warum wurden die eigenen Erkenntnisse nicht in transformatives Handeln umgesetzt?
Zwei Wochen nach jeder Empörungswelle finden wir uns in der gleichen Situation wieder: Medienhäuser, ob öffentlich-rechtlich oder privat, scheinen unfähig oder unwillig, sich eine digitale Öffentlichkeit vorzustellen, die nicht von den großen Tech-Plattformen dominiert wird. Es ist dieser Mangel an strategischer Handlungsbereitschaft, der die aktuelle moralische Empörung so hohl erscheinen lässt.
In Deutschland befinden wir uns in einer besonders prekären Lage: Gefangen zwischen Plattformen, die von einer 'Profit um jeden Preis'-Mentalität getrieben werden, und einem Medienumfeld, das jahrelang aktiv Kritik an Tech-Unternehmen abgewehrt hat.
Natürlich trifft das nicht auf alle Medienschaffenden zu. Aber es waren genug, dass wir jetzt ein merkwürdiges Schauspiel erleben: moralische Empörung von genau den Institutionen, die diese Abhängigkeit mit geschaffen haben.
Die unbequeme Wahrheit ist: Hätten mehr Medienorganisationen ihre fundamentale Aufgabe der kritischen Berichterstattung in echtes strategisches Handeln übersetzt, wäre die heutige moralische Empörung überflüssig. Es geht hier nicht darum zu sagen 'Das haben wir schon immer gewusst' – sondern darum, endlich den Mut zu finden, echte Alternativen aufzubauen und umzusetzen.
Ich spreche aus eigener Erfahrung: Als ehemaliger "Tech-Kritiker" habe ich gelernt, dass reine Kritik allein uns nicht weiterbringt. Sie schafft weder neue Narrative noch neue Handlungsoptionen. In den letzten sieben Jahren habe ich viele neue Zukünfte gestaltet. Ich plädiere für eine 'informierte Naivität': Wir müssen die Realitäten und Herausforderungen der Tech-Plattformen verstehen, aber gleichzeitig den Mut haben, unsere eigene Zukunft zu gestalten.
Nur so bekommen wir was wir eigentlich wollen: besseren Journalismus.